Das Wort zum Wochenende: Aktienkurs ist nicht gleich Aktienwert


„Schlägt jetzt die Stunde für Value?“ Mit dieser Frage leitete die Internetseite boerse.ARD.de am vergangenen Donnerstag einen Beitrag über Aktien ein, die in nächster Zeit favorisiert sein dürften, weil sie „Value“ (Wert) versprechen. Leider ohne eine einzige von solchen Aktien zu erwähnen. Stattdessen: Meinungen von Fondsmanagern. Nun gut, ein öffentlich-rechtlicher Sender käme in Teufels Küche, würde er konkrete Aktientipps verbreiten. Also Schwamm drüber.

Für mich aber immerhin Anlass genug, über Werte nachzudenken, speziell über Value-Aktien und ihre Abgrenzung zu Growth- (Wachstums-)Aktien. Zweifellos waren Letztere in den vergangenen Jahren favorisiert. Man denke nur an das A-Quartett Amazon, Alphabet, Apple und Alibaba. Oder an deutsche Vorzeige-Unternehmen wie Wirecard, Cewe, Hypoport und Compugroup. Das heißt jedoch nicht, dass ihr Wachstum einfach nur fortgeschrieben zu werden braucht. Umgekehrt betrachtet, dass diese Aktien jetzt in den Portfolios der Fondsmanager den Value-Aktien komplett weichen müssten. Das Wachstum kann in einem Fall eben weitergehen, in einem anderen dagegen aufhören. Jeweils herauszubekommen, in welchem, ist analytische Schwerstarbeit.

Gehen wir davon aus, dass der Wert von Aktien während der nächsten Jahre tatsächlich in den Vordergrund rückt. Dann drängt sich die Frage auf: Wie kommt der Aktienwert zustande? Zitiert wird dazu immer wieder der über Jahrzehnte besonders erfolgreiche Aktienguru Warren Buffett mit dem Satz: Eine Aktie gilt als preiswert, wenn ihr Kurs niedriger ist als ihr Wert – womit sich allerdings schon die nächste Frage aufdrängt: Wie berechnet man ihren Wert? Nach der Substanz des betreffenden Unternehmens, speziell nach dem Kurs-Buchwert-Verhältnis? Nach der Höhe des Eigenkapitals? Nach der Zahl der Patente? Nach den stillen Reserven? Oder nach dem Burggraben? (so bezeichnet, wenn ein Unternehmen die Konkurrenten weit von sich hält)

Von analytischer Schwerstarbeit war bereits die Rede; anhand dieser wenigen Fragen wird klar, dass sie sogar mithilfe noch so penibler Recherchen kaum zu bewältigen ist. Aber warum dann die ganze Arbeit der Finanzanalysten, die dafür bezahlt werden, dass sie ihren Fondsmanagern und sonstigen Vermögensverwaltern die richtigen Aktien herauspicken? Darauf gibt es eine plausible Antwort: Weil ohne Recherchen die Gefahr bestünde, dass Aktienkäufe und -verkäufe zum Glücksspiel ausarten würden wie seinerzeit am Neuen Markt.

Geht es um den Wert von Aktien, darf ein Aspekt nicht fehlen: Dass das Lager der Finanzanalysten aus zwei Gruppen besteht, aus Buy Side und Sell Side. Die erste Gruppe analysiert Aktien für Fonds und Vermögensverwalter, die zweite für eine breite Öffentlichkeit. Daraus folgt: Bei einer Aktie, die beispielsweise zu 50 Euro notiert, kann sich im ersten Fall ein Kursziel von 40 Euro ergeben, im zweiten Fall eines von 60 Euro. Es kommt halt darauf an, welche Werte zugrunde gelegt werden.

Seit Jahresbeginn ist durch die überarbeitete Richtlinie über Märkte und Finanzdienste, kurz MiFiD II genannt, alles noch komplizierter geworden. Dazu nur diese Prognose des Deutschen Investor Relations Kreises, die besonders aus Sicht privater Anleger interessant erscheint: Großunternehmen werden sehr viele Einzel- und Gruppengespräche auf eigene Kosten abhalten und bezahlen, mittelgroße Unternehmen ebenfalls, kleine Unternehmen jedoch nicht. Von daher ist zu erwarten, dass die im SDax enthaltenen Aktien größere Kurssprünge vollziehen werden. Daraus ergeben sich entsprechende Chancen, aber auch Risiken, weil dann die Ermittlung von Werten auf der Strecke bleiben wird.

Abschließend noch einige Überlegungen zur Interpretation von Aktienwerten. Stellen Sie sich vor, ein steinreicher Investor möchte sich einen Konzern einverleiben, aber er verfügt nicht über genügend Stimmrechte, um in der nächsten Hauptversammlung zu seinem Ziel zu gelangen. Dann dürfte er bereit sein, ein hohes Aufgeld für Aktien zu zahlen, die ihn seinem Ziel näher bringen, und dadurch den Kurs nach oben treiben. So etwas ist vorstellbar, wenn man zum Beispiel bedenkt, wie viel Substanz allein in Unternehmen steckt, die auf einem hohen Immobilienvermögen sitzen.

Bekanntlich gehören die Dividendenrendite und das Kurs-Gewinn-Verhältnis neben den Wachstumsaussichten von Unternehmen zu den entscheidenden Bewertungsmaßstäben für Aktien. Indes, wenn die Aktienkurse auf breiter Front einbrechen wie zuletzt, verlieren viele Anleger (auch institutionelle) sehr schnell die Nerven. Dann denken sie nicht mehr daran, dass Kurse und Werte zweierlei sind, und verschleudern ihre Aktien unter Wert. Das dürfte im kommenden Jahr eines der spannendsten Anlagethemen werden, vor allem dann, wenn die Entwicklung der Aktienkurse auf einen Crash zusteuern würde.


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