Das Wort zum Wochenende: Deutschland wird platt gemacht

An der Börse wird nicht geklingelt, so lautet ein gängiger Spruch unter Aktienprofis. Wirklich nicht? Manchmal wird nämlich doch geklingelt. Wie in der vergangenen Woche, als die Aktienkurse auf einmal regelrecht abstürzten. Seitdem setzt die Ursachenforschung ein. Doch damit will ich mich heute nicht allzu sehr auseinandersetzen, denn jederzeit austauschbare Ursachen, die in Wahrheit keine sind, gibt es viele. Stattdessen zitiere ich hier die Fondsgesellschaft Star Invest, die ein besonders gewichtiges Argument vorbringt:
Nachdem man erfolgreich bereits zwei Schlüsselbranchen kaputt gemacht hat (Energiewende, Bankenregulierung), stürzt man sich jetzt mit Feuereifer auf die Automobilindustrie. Ehemalige Branchenschwergewichte wie RWE und die Deutsche Bank sind heute nur noch ein Schatten ihrer selbst. Dasselbe Schicksal könnte jetzt den führenden Autokonzernen wie Daimler blühen. So verklagt eine mit Bundesmitteln geförderte „Deutsche Umwelthilfe“ zahlreiche Städte, um die Einführung von Dieselfahrverboten zu
erzwingen.“
Dieses Argument hat es in sich, zielt es doch auf die entscheidende Schwachstelle der einst mächtigen Deutschland AG: die von einer in wirtschaftlichen Angelegenheiten unterbelichteten Kanzlerin geführte Bundesregierung. Der Vollständigkeit halber sei erwähnt, dass die angeblichen Umwelthelfer auch von amerikanischen Stiftungen getragen werden und nebenbei mit Toyota kooperieren. Wenn das kein Gschmäckle an sich hat! Star Invest unterstellt deutschen Politikern, sie seien mit Eifer dabei, „den Industriestandort Deutschland platt zu machen“. Dass speziell die deutsche Autoindustrie – siehe VW in den USA – sich dabei nicht gerade mit Ruhm bekleckert hat, mag zwar ein triftiges Gegenargument sein. Aber auch da drängt sich die Frage auf: Hat die Bundesregierung etwa entscheidende Schritte unternommen, um VW wenigstens auf diplomatischem Weg zu unterstützen? Hat sie nicht.
Und so wird die deutsche Schlüsselindustrie schlechthin, zusammen mit den Zulieferern eine Art Garant für Arbeitsplätze, nicht nur aus den USA, aus China und Japan angegriffen, sondern sogar von deutschen Politikern sträflich vernachlässigt. Mehr noch, als seien Elektromobile bereits heute das Nonplusultra der Fortbewegung, kann ihre Einführung den grünen Protagonisten nicht schnell genug gehen – ohne Rücksicht darauf, dass die wahre Ökobilanz der batteriegetriebenen Wunderdinger noch lange auf sich warten lassen wird.
Der Umbruch der Autoindustrie fällt ausgerechnet in eine Zeit, die konjunkturell nichts Gutes verheißt. Denn der Handelskrieg mit den USA, der außer China auch Europa und speziell Deutschland hart trifft, wird vom Brexit begleitet. Und der hat es in sich, wie eine aktuelle Studie des Finanzdienstleisters Feri zeigt:
Derzufolge ist Großbritannien mit einem Anteil von 6,6 Prozent der gesamten Exporte für Deutschland der fünftwichtigste Handelspartner, nur knapp hinter China, vor Italien und Spanien. Über ein Drittel der Gütertransporte nach Großbritannien entfällt auf Fahrzeuge und Fahrzeugteile. Das Land ist für die deutsche Autoindustrie einer der wichtigsten Märkte. Allein im vergangenen Jahr wurden rund 800.000 Autos aus Deutschland dorthin exportiert. Und fast 30 Prozent der Direktinvestitionen in der EU entfielen bisher auf Großbritannien. Falls das Land ohne vertragliche Regularien zu den kommenden Beziehungen der EU Lebewohl sagen sollte, wäre auch Deutschland stark betroffen.
Da fragt man sich unwillkürlich, welcher Teufel die Bundesregierung reitet, wenn sie ausgerechnet jetzt die deutsche Autoindustrie im Stich lässt. Gewiss, deren Lobby hat sich allzu oft mit der Arbeitslosenkeule lächerlich gemacht. Doch ausgerechnet jetzt, da das Ganze sich zum Politikum ersten Grades entwickelt, auf die Marktkräfte zu setzen und einen offensichtlich überforderten Verkehrsminister ins Rennen zu schicken, ist ein folgenschwerer Fehler. Derweil drängen Chinesen immer weiter in Richtung Knowhow der deutschen Autoindustrie vor – mit der Folge, dass deren Arbeitsplätze in Deutschland sukzessive dahinschwinden.
Börsianer nehmen diese Entwicklung vorweg, indem sie die Aktienkurse in den Keller schicken. Wie tief, lässt sich kaum im Voraus abschätzen. Viel hängt nämlich auch von anderen Einflussfaktoren ab, etwa von der Geldpolitik der EZB und der amerikanischen Fed, vom Verhalten der Fondsmanager und deren gegenseitiger Ansteckung. Zumindest eines steht fest: Wie schon mehrfach in der Vergangenheit, so wird der Kursrückgang auch dieses Mal in einer kürzeren Zeit stattfinden als der Kursanstieg zuvor.
Wie kommt es dazu? Ganz einfach: Die Ansteckungsgefahr ist größer, wenn es mit den Kursen nach unten geht. Das lässt sich so erklären: Während eines Aufwärtstrends bauen Fondsmanager ihr Aktienportfolio systematisch nach bestimmten Kriterien auf, zum Beispiel aufgrund von Kennzahlen oder weil sich ein neuer Trend wie die Künstliche Intelligenz abzeichnet – schließlich wollen sie ja zum Jahresende auf dem Siegertreppchen der Fondsbewerter stehen. Sie lassen sich in der Regel viel Zeit, um ihr Portfolio zu optimieren. Ganz anders während eines Abwärtstrends: Da ist ihr – in diesem Fall relativer – Erfolg davon abhängig, dass sie möglichst schnell viele Aktien verkaufen, weil sie liquide bleiben müssen, um ihre Anleger jederzeit auszahlen zu können.
Daraus entwickelt sich üblicherweise ein Herdentrott. Das Siegertreppchen spielt dann kaum noch eine Rolle; denn der Beste mit 10 Prozent Minus zu sein, während die Konkurrenten bei 20 oder 30 Prozent Miesen gelandet sind, interessiert die Außenwelt kaum noch. Folglich ist die Neigung zu schnellen Verkäufen, ohne allzu sehr auf die Kursentwicklung einzelner Aktien zu achten, in solchen Fällen besonders ausgeprägt. Fazit: Achten Sie gerade jetzt auf diesen Zusammenhang und liquidieren Sie Ihre Einmalanlagen in Aktienfonds, bevor deren Preise wegen rückläufiger Aktienkurse noch tiefer in den Keller rutschen. Das gilt im Übrigen auch für ETFs.

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