Das Wort zum Wochenende: Was ist denn schon sicher?


Während der Internationalen Edelmetall- und Rohstoffmesse am 8./9. November spielte unterschwellig das Thema Sicherheit eine Hauptrolle. Daraus abgeleitet die Fragen: Gibt es wenigstens annähernd eine allumfassende Definition des Sicherheitsbegriffs? Handelt es sich im Endeffekt nur um ein subjektives Sicherheitsbedürfnis oder -gefühl, etwa weil Tages-, Festgeld- und Sparzinsen sich stetig entwickeln? Wie und wo ist Geld sicher angelegt?

Die Antworten fallen deutlich aus: Eine allumfassende Definition gibt es nicht. Sicherheitsbedürfnis und -gefühl dominieren. Wie und wo Geld sicher angelegt ist, hängt von so vielen Faktoren ab, dass eine allgemein gültige Antwort zunächst unmöglich erscheint. Doch der Clou besteht darin, dass niemand um eine subjektive Antwort herumkommt: Der konservative Anleger bevorzugt die Streuung des Vermögens, der spekulative die Konzentration; der eine scheut jegliches Risiko, der andere kann gut mit ihm leben. Wer keinerlei Börsenerfahrung besitzt, sollte sich schnell um ein bestimmtes Grundwissen bemühen: zu Konjunkturen und Krisen, fundamentalen und kurstechnischen Daten, Anleihen und Aktien, Edelmetallen und Immobilien, Bulle und Bär, Inflation und Deflation.

Das alles ist zwar zeitraubend, aber es dient der Sicherheit. Nach dem Motto: Je höher der Aufwand vor einer Anlageentscheidung, desto sicherer ist die Anlage – und desto geringer das Risiko. Bei diesem Stichwort sei daran erinnert, dass der Risikobegriff, wie er von der Finanzwelt gern definiert wird (abgeleitet aus der Schwankungshöhe und -tiefe einer Anlage), in die Irre führt. Dazu sei an die folgende amerikanische Anekdote erinnert: Ein Truthahn wähnt sich umso mehr in Sicherheit, je länger er regelmäßig gemästet wird – bis der traditionelle Thanksgiving-Tag kommt und er geschlachtet wird.

Der Psychologe Gerd Gigerenzer merkt dazu an: „Es besteht eine gewisse Ähnlichkeit zwischen dem unerwarteten Ende des Truthahns und der Unfähigkeit von Experten, Finanzkrisen vorauszusagen.“ Oder auf das Risiko bezogen: Es ist im vorliegenden Fall hundertprozentig, aber nach der Definition vieler sogenannter Finanzexperten gleich Null. Dazu passt auch ein markantes Beispiel aus der ersten Hälfte der 90er Jahre: Damals rechneten japanische Broker den bis dahin eindrucksvollen gleichmäßigen Aufwärtstrend einfach linear hoch. Danach bedurfte es nur eines einzigen Anstoßes, um die Aktienkurse – besonders die japanischen – kippen zu lassen. Der Anstoß kam durch den ersten Irak-Krieg, in dessen Gefolge die Aktienkurse international fielen.

Da es nun mal keine absolute Sicherheit gibt und weder Chancen noch Risiken messbar sind, kann man dann wenigstens das Truthahn-Risiko vermeiden? Ja, man kann: durch Vermögensstreuung und richtiges Timing. Doch da ergeben sich zwei bohrende Fragen: Können alle Anleger ihr Vermögen streuen? Nein, nur die betuchten von einer Million Euro an aufwärts, sonst kommt es zum Klumpenrisiko, speziell bei Immobilien aller Art. Ist richtiges Timing erlernbar? Ja, bis zu einem gewissen Grad, aber leider verbunden mit einem riesigen Aufwand an Zeit und Geld. Das heißt, wer sich nicht ständig mit dem Timing beschäftigt, geht Risiken ein. Etwa der Art, dass die Zinsen weiter ins Minus abrutschen, ein Aktiencrash kommt oder die Immobilienblase platzt.

An den jeweiligen Prognosen zu solchen Themen mangelt es nicht gerade. Sie nützen allerdings nur bedingt, weil jede Geldanlage eine ganz spezielle individuelle Note hat. Es gilt also, selbst für die nötige Sicherheit zu sorgen und Vorsicht walten zu lassen, wenn jemand mit Rezepten daherkommt. Dazu sei nochmals der Psychologe Gerd Gigerenzer zitiert: „Wenn Kunden mit ihrem Bankberater sprechen, nehmen sie an, der Investmenttipp, den sie bekommen, diene ihren eigenen Interessen. Tatsächlich werden Berater meist jede Woche angewiesen, die Finanzprodukte zu verkaufen, für die die Bank die höchsten Provisionen einstreicht.“

Dieses Verhalten mag aus Kundensicht noch so kritikwürdig und problematisch sein, an der Dominanz der Provisionsjäger ändert es nichts. Dafür sorgt allein schon die mächtige Finanzlobby. Sicherheit? Formell ja, denn die Bankenwelt einschließlich ihrer Beschützer von der Finanzaufsicht BaFin ist stets um die passende Juristerei bemüht. Aber materiell? Nein, um diese Sicherheit müssen sich alle Anleger wie beschrieben selbst kümmern.


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