Das Wort zum Wochenende: Gesunder Menschenverstand kontra Anlageroboter


Cominvest wirbt permanent für die digitale Vermögensverwaltung, eine Art elektronische Wundertüte; Scalable Capital gibt nach ersten Erfolgen in Deutschland, Österreich und Großbritannien den digitalen Einstieg in der Schweiz bekannt – und die ehemalige Fernsehkommentatorin Birgit Schrowange bricht während einer Gesprächsrunde in Leipzig eine Lanze für die langfristige Aktienanlage auf Knopfdruck. Alles nur Zufall? Keineswegs. Denn selten schien der Nachweis, mit Aktien könne man auf Dauer besonders viel Geld verdienen, so überzeugend zu sein wie in diesen Tagen, nach neun Jahren Aufwärtsbewegung mit nur relativ geringen Unterbrechungen.

Ein irreführender Schein-Nachweis, denn er gleicht dem Blick in den Rückspiegel! Er wird sich während der kommenden Wochen und Monate sogar multiplizieren, sobald Aktienfonds uns ihre bisherigen Supergewinne präsentieren. Alles echt, jedenfalls in Bezug auf die in der Vergangenheit erzielten Ergebnisse – und doch zweifelhaft, weil die Sieger von gestern nicht zwangsläufig auch die Sieger von morgen sind, dann vielfach sogar zu den Verlierern gehören.

Insofern scheint die digitale Vermögensverwaltung, die auf Fondsmanager alten Stils verzichtet und die Aktienanlage lieber irgendwelchen Algorithmen überlässt, wie gerufen zu kommen. Für sie ist der Blick in den Rückspiegel eher uninteressant. Was allerdings nicht ausschließt, dass die eine oder andere Erkenntnis aus der Vergangenheit algorithmisch verpackt werden kann. Aber mal ehrlich: Sind Roboter wirklich das Maß aller Anlagedinge? Und ist ihre zum Teil nachgewiesene Überlegenheit beim Schachspiel auf die Börse übertragbar?

Die erste Frage wird sich, falls überhaupt, erst in vielen Jahren beantworten lassen. Die Antwort auf die zweite Frage fällt dagegen bereits heute eindeutig aus: Das auf 64 Felder beschränkte Schachbrett, dessen Figuren mitsamt ihren Bewegungen wahlweise von zwei Supermathematikern oder von Robotern durchdacht und von den Mathematikern oft nur nach ganz langem Warten mittels Schachzügen bearbeitet werden, hat so gut wie nichts mit dem schier unendlichen Anlageuniversum zu tun, in dem ganze Scharen von Börsianern aus aller Herren Länder in Minibruchteilen Käufe und Verkäufe aller nur erdenklichen Anlagen ausführen.

Wie wäre es stattdessen mit dem gesunden Menschenverstand? Der besagt aktuell nämlich Folgendes: Der deutsche Boom spiegelt sich in den hohen Aktienkursen wider, die zu Gewinnmitnahmen reizen. Ob die Unternehmen im laufenden Jahr bei ihren Umsätzen und Gewinnen noch mehr zuzusetzen haben, bleibt bis auf Weiteres offen. Der Streik der IG Metall verheißt diesbezüglich für Anleger jedenfalls nichts Gutes.

Im total überschuldeten Italien werden am 4. März Wahlen mit derzeit unabsehbarem Ausgang stattfinden. Schon während der nächsten Monate dürfte es dort zu einer Banken- und im Anschluss zu einer Eurokrise kommen. Die Brexit-Folgen werden die meisten Anleger negativ überraschen. Die Inflationsrate im Euroraum strebt 2, in den USA 3 Prozent an. China will keine amerikanischen Staatsanleihen mehr kaufen, und Japan schlittert einer Hyperinflation entgegen.

Zugegeben, die Folgen von alldem werden sich wahrscheinlich nur in Schüben bemerkbar machen. Und die Notenbanken werden die Geldschleusen ganz weit zu öffnen versuchen, sobald die Krisensymptome überhand nehmen. Aber wie und womit, nachdem die Schleusenwärter im Euroraum wie zuvor bereits in Japan mit ihrer Geldschwemme in erster Linie zur sogenannten Asset Inflation und zur Aufblähung der Schulden beigetragen haben? Da ist es kaum tröstlich, dass die Geldpolitiker in den USA zuletzt ein wenig Spielraum gewonnen haben, um einen Tick expansiver werden zu können.

Zum Schluss bleibt mir heute noch der Hinweis auf VDax und Vix, die Volatilitätsindizes für deutsche bzw. amerikanische Aktien (beide auf Internetseiten deutscher Broker zu finden). Sie geben die Stärke der Kursschwankungen wieder und haben sich als zuverlässige Timing-Indikatoren bewährt. Sobald sie nach dem jahrelangen Hin und Her auf niedrigem Niveau zu steigen beginnen, sollten Sie sie möglichst laufend verfolgen und erst dann wieder an Aktienkäufe denken, nachdem sie neue Höhen erst erreicht und dann überschritten haben. Mithilfe dieser Methode ist es Ihnen möglich, mit Aktien bessere Anlageergebnisse zu erzielen als die neuen Roboter.


Ab Sonntagmorgen auf goldseiten.de: Gold, Silber, Minenaktien – und dazu die passende Anlagestrategie