Das Wort zum Wochenende: Aktienkurse im Abwärtsmodus


Eine so eindeutige Empfehlung zum Aktienverkauf findet man in diesen Tagen selten. Sie stammt vom Vermögensverwalter Feri, der für ein betreutes Vermögen in Höhe von 34,5 Milliarden Euro steht. „Die Aktienmärkte dürften im Jahresverlauf weitere Korrekturen erleben. Gegen die zunehmende Schwäche vieler Fundamentaldaten werden rein monetäre Manöver auf Dauer nicht viel ausreichten.“ Das sagt Feri-Vorstand Heinz-Werner Rapp voraus. Und Feri-Chefvolkswirt Axel D. Angermann legt nach: „Besonders die Abhängigkeit Deutschlands vom Welthandel, die Unsicherheit über den Brexit, die wirtschaftliche Schwäche, die Überschuldung Italiens und die kritische Lage der Autoindustrie sind Faktoren, von denen jeder einzelne geeignet ist, die Wirtschaft im Euroraum in den negativen Bereich zu drücken.“

Wenn es wenigstens dabei bliebe. Doch die belastenden Faktoren nehmen offenbar kein Ende: „China erweist sich als Haupttreiber der globalen Abschwächung. Europa ist strukturell und zyklisch anfällig für eine Rezession. Die Politik in Europa und in den USA ist ein zusätzlicher Unsicherheitsfaktor. Die sinkende globale Liquidität erzeugt Anpassungsdruck. Die Aktienmärkte reagieren zunächst wechselhaft, haben es später jedoch mit zunehmenden Problemen zu tun. Immerhin bleiben die Zinsen weltweit niedrig.“

Verbirgt sich hinter dem letzten Punkt mehr als nur ein Hoffnungsschimmer? Wie man's nimmt: Nach Feri-Meinung ist das Ende der Zinswende in den USA deutlich erkennbar, Wahrscheinlichkeit 80 Prozent. Der Handelskrieg zwischen den USA und China könnte partiell beigelegt werden, Wahrscheinlichkeit 50 Prozent. Dass China mit einem massiven Konjunkturprogramm aufwartet, ist punktuell möglich, Wahrscheinlichkeit 35 Prozent. Und dass in den USA mit einem großen Infrastrukturprogramm gerechnet werden kann, ist zumindest denkbar, Wahrscheinlichkeit allerdings nur 20 Prozent.

Aus alldem geht hervor, wie komplex die Lage der Weltwirtschaft zurzeit ist. Das bleibt nicht ohne Folgen für die Aktienkurse, die zwischenzeitlich immer wieder zur Schwäche neigen. Erfahrungsgemäß laufen sie der Konjunktur um sechs bis neun Monate voraus. Doch auf welchen Zeitpunkt soll man den Beginn ihres Abwärtstrends ansetzen? Auf das vierte Quartal 2018, als die Aktienkurse in relativ kurzer Zeit einbrachen? Danach erholten sie sich allerdings wieder. Oder auf die Gegenwart, zumal seit geraumer Zeit Schaukelbörsen mit temporären Schwächephasen dominieren?

Man kommt der Wahrheit wohl am nächsten, wenn man zwischen der Entwicklung in Europa, in China und in den USA unterscheidet: Gemessen am Euro Stoxx, befinden sich die europäischen Aktienkurse bereits im Abwärtstrend. Gemessen am Hang Seng, gilt für chinesische Aktien im Großen und Ganzen dasselbe. Und gemessen am S&P 500, lässt die Trendwende nach unten noch auf sich warten. Das liegt nicht zuletzt daran, dass die amerikanische Notenbank Fed wegen ihrer Zinserhöhungen aus den vergangenen Jahren noch über einen gewissen Spielraum verfügt, um ihren Leitzins zu senken und dadurch die US-Konjunktur ein wenig zu stimulieren.

In Deutschland zeichnet sich eine prekäre Entwicklung ab: Der Ifo-Konjunkturindex tendiert schon seit Monaten auffallend abwärts, die Prognose zur Wirtschaftsleistung ebenfalls, und die Pkw-Produktion ist kräftig eingebrochen, ohne dass Besserung erkennbar wäre. Was wir diesbezüglich am vergangenen Mittwoch von VW zu hören bekamen, passte folglich dazu: Der Autokonzern will sich von einem Teil seiner Arbeitnehmer trennen und kräftig in die Elektromobilität investieren. Er wagt damit einen Umbruch, der in der Konzerngeschichte einmalig ist. So etwas nennt man Disruption. Und weil an der Börse die Zukunft gehandelt wird, bedeutet das: Abfindungen und Investitionen werden voraussichtlich erst mal sehr viel Geld kosten, am VW-Gewinn zehren und dadurch den Aktienkurs nach unten ziehen.

VW steht mit dem Umbruch nicht allein da, große Teile der deutschen Wirtschaft müssen sich neue Geschäftsmodelle ausdenken. Wobei erschwerend hinzu kommt, dass der Euroraum und letzten Endes die ganze EU, anders als China und die USA, heterogen zusammengesetzt und damit gezwungen ist, allzu oft bürokratisch vorzugehen. Das hemmt und ist ein weiterer Grund, für europäische Aktien besonders pessimistisch zu sein.


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