Das Wort zum Wochenende: Geld-Manipulation


EZB-Chefin Christine Lagarde machte bei ihrem letzten Auftritt vor der Presse in Frankfurt einen seltsam verhaltenen Eindruck – bis auf eine Bemerkung, die dazu führte, dass der Euro gegenüber dem Dollar ein weiteres Mal zulegte. Dumm gelaufen, könnte man meinen, weil Europa aktuell alles Mögliche brauchen kann, nur keinen starken Euro. Doch wer die Geldpolitik der EZB laufend verfolgt, weiß längst: Nicht Christine Lagarde ist in diesem Metier die entscheidende Triebkraft, sondern ihr oberster Volkswirt Philip Lane. Und der hatte in letzter Zeit schon ein ums andere Mal vor einem weiteren Euro-Anstieg gewarnt. Seine Chefin brauchte danach also nur zu bestätigen, was er zuvor empfohlen hatte.

Alles nur Theater? Nein, denn was wir derzeit erleben, ist ein geradezu spektakulärer Wandel der Geldpolitik in Richtung Fiskalpolitik. Das heißt, Regierungen übernehmen peu à peu Aufgaben, die zuvor Jahrzehnte lang von den Zentralbanken erledigt wurden, spektakulär wieder mal von den Amerikanern vorgeführt. Denn die dortige Fed, quasi eine Schwester der EZB, schwenkte zuletzt wiederholt ins Lager der sogenannten Tauben. So nennt man Geldpolitiker, denen die Expansion der Wirtschaft unter Inkaufnahme einer möglichen späteren Inflation wichtiger ist als die Kaufkraft des Geldes bei möglichst niedriger Verschuldung.

Fed-Chef Jerome Powell fiel in den vergangenen Wochen wiederholt damit auf, dass er für eine neue Strategie plädierte: Erst entdeckte er bei öffentlichen Auftritten sein Herz für die Armen, denen er nicht zumuten wollte, wegen eines möglichen Konjunktureinbruchs ihre Arbeitsplätze zu verlieren. Damit löste er das Ziel eines stabilen Dollars durch ein soziales Ziel ab – geradezu eine geldpolitische Revolution. Fast gleichzeitig definierte er das Ziel von 2 Prozent Inflation neu: Es soll sogar zum Beispiel auch bei 3 oder 4 oder noch mehr Prozent Inflation gelten , falls es vorher unter 2 Prozent lag. Also ein Durchschnitt auf der Grundlage mehrerer Jahre. So eine manipulierbare Kennzahl ist natürlich Wasser auf die Mühlen von US-Präsident Donald Trump.

Powell setzt den offiziellen amerikanischen Zinssatz für die nächsten drei Jahre auf 0 bis 0,25 Prozent. Die darauf basierende Geldpolitik verhilft Donald Trump – oder je nach Ausgang der US-Präsidentschaftswahl alternativ Joe Biden – zur Fortsetzung der Schuldenpolitik: Auf dass ein Anleihenkaufprogramm dem anderen folgt, ohne Rücksicht auf irgendwelche Obergrenzen, über Staatsanleihen hinaus zusätzlich ausgedehnt auf Unternehmensanleihen. Wobei es illusorisch erscheint, dass die daraus entspringenden Schulden jemals zurückgezahlt werden.

Geldpolitik/Fiskalpolitik – wo ist da noch die Grenze? Die gibt es einfach nicht mehr! Eine amerikanische Marotte? Auf keinen Fall, dazu braucht man sich nur die Verhältnisse in Japan anzusehen: Höchste Verschuldung aller großen Industrieländer, dennoch ist die Wirtschaft noch nicht kollabiert. Sie erholt sich sogar seit längerer Zeit. USA und Japan, eine Blaupause für die EU? Es sieht ganz danach aus, spätestens seit der jüngsten Rede von EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen vor dem Europaparlament. Denn der von ihr beschworene Wiederaufbaufonds ist im Wesentlichen eine auf Schulden beruhende gigantische Geldspritze.

Und wie reagiert Christine Lagarde, wenn sie zum Beispiel gebeten wird, das negative Urteil des Bundesverfassungsgerichts zur extrem expansiven EZB-Geldpolitik zu kommentieren? Jegliche Kritik ist ihr in dieser Angelegenheit fremd, bestenfalls antwortet sie mit dem Hinweis auf EU-Recht. Und seit die Covid-19-Pandemie wütet, verlagert sich die Geldpolitik ohnehin immer mehr in Richtung Fiskalpolitik, also zur Aufnahme von zusätzulichen Schulden, Ende offen.

Die Folgen sind gravierend, zunächst allerdings nicht nur negativ: Man verfolge dazu die im Trend aufwärts gerichtete Entwicklung der Aktienkurse, der Immobilien- und Edelmetallpreise, als gäbe es kein Halten. Dieses Szenario ist in der Geldgeschichte ebenso einmalig wie die Aktienrally vom vergangenen März bis August, nachdem vorher ein Blitz-Crash stattgefunden hatte. Überraschungen dieser Art scheinen fast schon programmiert zu sein. Dabei sollten alle erdenklichen Alternativen berücksichtigt werden, bekannt durch Begriffe wie „unbekannte Unbekannte“ oder einfach „Schwarzer Schwan“.


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