Das Wort zum Wochenende: Tückische Informationsflut


Früher, noch bis zu den 80er Jahren, mussten Börsianer Informationen über Aktien mühsam aus verschiedenen Quellen einsammeln. Hatten sie Glück, besaßen Freunde Insiderinformationen oder hellblaue Charts von Hoppenstedt. Mit den einen konnte man bei etwas Glück relativ sichere Kursgewinne im ein- bis zweistelligen Prozentbereich erzielen, mit den anderen ließ es sich bei entsprechender Phantasie von Hochprozentern träumen. Und heute? Auf den Punkt gebracht: Der Bloomberg-Terminal spuckt massenweise börsenrelevante Informationen aus, die sich in Mega-Geschwindigkeit über den ganzen Erdball verbreiten – die Börse scheint großenteils zum Spielfeld entartet zu sein.

Doch genaugenommen ist sie sich über Jahrhunderte treu geblieben: Waren es früher Tulpenzwiebeln, später Eisenbahnaktien, Ende der 90er Jahre Luftnummern am Neuen Markt und danach amerikanische Schrottimmobilien, die das Glücksspiel anheizten, so sind es heute E-Auto- und Wasserstoffaktien. Wobei gegen solche Aktien nichts einzuwenden ist, solange ihre Kurse aufwärts tendieren und ihre Käufer sich dessen bewusst sind, dass Fahnenstangen-Charts nicht nur steigen, sondern auch nach unten abknicken können. Im Übrigen sei damit nichts gegen die Wasserstoff-Technologie gesagt, der nach Aussagen von Wissenschaftlern die Zukunft gehört – allerdings erst nach einer ganzen Reihe von Jahren.

Anders als in den vergangenen Jahrhunderten und Jahrzehnten werden wir heute mit Informationen überschüttet, das Internet macht es möglich. Dies gilt auch im Hinblick auf Aktientipps, die allseits auf uns niederprasseln. Aber welche sind börsenrelevant, und wann werden sie sich auswirken? Tesla-Chef Elon Musk hat gut lachen; er braucht sich nicht mehr um die Börsenrelevanz seiner Aktie zu kümmern, denn deren Chart spricht Bände. Börsianer mit Faible für schnelle Kursgewinne, in erster Linie die Daytrader unter ihnen, sind allerdings untreue Zeitgenossen. Denn sobald zum Beispiel Wasserstoffaktien wie Nel ASA oder Plug Power höhere Kursgewinne versprechen als E-Auto-Aktien, wenden sich Daytrader von einer Sekunde zur nächsten ihnen zu.

Auf diese Weise ist in Deutschland, angetrieben von der jüngeren Generation im Alter zwischen 20 und 40 Jahren, geradezu eine neue Aktienkultur entstanden. Sie basiert zu einem erheblichen Teil auf Opportunismus. Das mögen viele ältere Börsianer befremdlich finden, an der Tatsache als solcher lässt sich indes nichts aussetzen. Und was geschieht, sobald die Aktienkurse in den nächsten Abwärtsstrudel geraten? Klar, dann wird ein Teil der neuen Aktienkultur wegbrechen. Der größere Teil wird jedoch erhalten bleiben, nicht zuletzt deshalb, weil die auf Aktien – speziell auf Aktienfonds – beruhende Altersvorsorge allein schon wegen der anhaltend niedrigen Zinsen und den damit verbundenen nicht mehr rentierlichen Anleihen in den Vordergrund rücken dürfte.

Eine Frage, die besonders von Nutzern des Informationskanals YouTube immer wieder gestellt wird: Wie kann man die dort grassierenden Meinungs- von Faktenbeiträgen unterscheiden? Am besten, indem man beide über eine längere Zeit verfolgt – und danach feststellen dürfte, dass erstens eine Zäsur zwischen beiden kaum möglich ist und dass zweitens YouTube-Beiträge immer nur eine Art Beifang zu eigenen Recherchen sein können.

Doch wo und wie setzen diese zweckmäßigerweise an? Gilt es doch, in kürzester Zeit auf vielversprechende Aktien zu stoßen, bevor andere Anleger deren Kurspotenzial entdecken. Die einfachste Methode besteht darin, die Kurse bestimmter Aktien – nehmen wir die aus der E-Auto-Gruppe einschließlich ihrer Zulieferer – laufend zu verfolgen, um eine gewisse Sensibilität für sie zu entwickeln. Mit der Zeit sollten Aktien aus anderen Gruppen hinzugefügt werden, etwa Edelmetall- und Rohstoffaktien. Im Zuge einer solchen Verfolgungsjagd mittels Charts stechen erfahrungsgemäß Abweichungen vom bisherigen Verlauf ins Auge. Der Rest ist dann das Timing.

Geht man in die Details, bieten sich immer mehr Aktien an. Dann gilt es, sich nicht zu verzetteln – und zunehmend auch fundamentale Kennzahlen ins Auge zu fassen, wie Kurs-Gewinn-Verhältnis, Eigenkapitalquote, freier Cashflow und einige mehr. Übrigens propagieren viele Börsianer derzeit das Kurs-Umsatz-Verhältnis. Doch diese Kennzahl kann beim aktuellen Stand der Aktienkurse tückisch sein. Denn sie zeigt an, dass wir uns bei immer mehr Aktien bereits in der adäquaten Phase zu Tulpenzwiebeln, Neuem Markt & Co. befinden.


Ab Sonntagmorgen auf www.goldseiten.de: Die Inflation ist schon unterwegs