Das Wort zum Wochenende: Die Aktienphobie der Deutschen


Aktien sind eine gute Geldanlage. Aktien dienen der Altersvorsorge und -versorgung. Aktien eignen sich zur Spekulation. Aktien können auf Knopfdruck gekauft und verkauft werden. Aber die Deutschen mögen keine Aktien. Das geht aus einer neuen empirischen Studie der Stuttgarter Börse und des Deutschen Aktieninstituts hervor.

Ein niederschmetterndes Ergebnis. Woran das wohl liegt? Die Ursachen sind mannigfach: Unwissenheit, Unsicherheit beim Umgang mit Geld, mangelnde Aufklärung, Risikoscheu, fehlende Anregungen, falsche Vorstellungen vom Funktionieren der Wirtschaft und speziell der Börse, Misstrauen gegenüber Banken und Sparkassen, schlechte Erfahrungen mit Aktien und bereits erlittene Kursverluste.

Jede von diesen Ursachen hat etwas für sich, alle zusammen sind ein Schlag ins Aktienkontor – und dieser Schlag hat seine Gründe. An erster Stelle: Anders als Aktien- und andere Fonds, Lebensversicherungen, Bundesanleihen und Immobilien haben Aktien keine durchschlagende Lobby. Investmentgesellschaften lassen ihre Fonds von Banken, Sparkassen und Finanzvertrieben verkaufen, Versicherer locken Anleger mit dem Versprechen auf ein sorgenfreies Alter, der Bund bedient sich seiner Anleihen zur Finanzierung des Staatshaushalts, und verschiedene Immobilienverbände schlagen für ihre Klientel allerlei Steuer- und sonstige Geschenke heraus.

Über die vergangenen Jahrzehnte betrachtet, erscheint die Aktienförderung wie ein schlechter Witz. Sie begann mit sogenannten Volksaktien: VW, Preussag (heute TUI) und etwas später Veba (heute ein Teil von E.on). Die steuerlichen Anreize für Aktien schwankten hin und her, von der Spekulationssteuer in verschiedenen Varianten über das Halbeinkünfteverfahren bis zur heutigen Abgeltungsteuer. Zum entscheidenden Schlag gegen Aktien kam es nach der Jahrtausendwende, als der Telekom-Kurs mit wohlwollendem Abnicken durch den Bund manipuliert wurde und kleine Firmen es schafften, mit krimineller Energie vom sogenannten Neuen Markt zu profitieren. Gab es damals im besten Jahr 153 Neuemissionen von Aktien, so ist deren Zahl bis 2018 auf gerade mal 19 geschrumpft.

Das, was seinerzeit geschah, hält kaum ein privater Anleger aus. Die naheliegende Folge: Vom fulminanten Anstieg der Aktienkurse zwischen 2009 und 2018 profitierte nur ein geringer Bruchteil der privaten Anleger. Und nun schicken sich die Börsen an, Aktienkurse nach einem so langen Anstieg auch schon mal kräftig fallen zu lassen. Aus Anlegersicht kommt erschwerend hinzu: Die in diesen Tagen von Investmentgesellschaften medial gepuschten positiven Fondsergebnisse – die negativen werden unter den Teppich gekehrt – gelten in dieser Branche als Turbo für den Vertrieb. Das erinnert an alte Zeiten, als die dubiose Investmentgesellschaft Investors Overseas Services, kurz IOS, ihre Kunden ebenfalls schon prozyklisch abkassierte.

Wie sollen sich Anleger verhalten, wenn sie von den eingangs genannten Vorteilen der Aktienanlage profitieren wollen, ohne in die beschriebenen Börsenfallen zu tappen? Sie müssen ihren eigenen Weg gehen, mit einem klaren Finanzziel vor Augen: Entweder langfristige Anlage oder Spekulation, entweder viel Aufwand für umfangreiche Recherchen zu Unternehmen und Branchen, zur Konjunktur und Geldpolitik, oder Konzentration auf Charts – was natürlich nicht ausschließt, dass man Charts auch zu den Recherchen hinzuziehen sollte.

Auf lange Sicht besteht die Aktienchance im Aufwärtstrend der Kurse, auf kurze bis mittlere Sicht im Timing. Das Anlagerisiko lässt sich durch Streuung einschränken: 10 bis 20 Aktien, das dürfte genügen. Oder doch lieber gleich einen Aktienfonds kaufen, dem die Streuung von Gesetzes wegen vorgeschrieben ist? Im Grunde handelt es sich hierbei um eine andere Anlageklasse, mit im Vergleich zur Aktien-Direktanlage relativ hohen laufenden Kosten gemanagter Fonds und eingeschränkter Flexibilität von Indexfonds, sogenannten ETFs.

Zu guter Letzt: Man kann nicht früh genug mit dem Recherchieren und mit der Aktienanlage beginnen. Das bringt Erfahrungen mit sich, gute und schlechte; aus beiden lässt sich sehr viel lernen. Als besonders nützlich erweist sich da ein Tagebuch, in dem man alle Anlagemotive und -fehler, alle sachlichen und psychologischen Beweggründe aufschreibt. Wer danach verfährt, ist anderen Anlegern über kurz oder lang haushoch überlegen.


Ab Sonntagmorgen auf goldseiten.de: Wehe der Strom fällt aus!