Das Wort zum Wochenende: Die Preise machen die anderen – na und?


In einer alten Studie über Gold bin ich neulich wieder auf einen englischen Begriff gestoßen, der mich schon früher zum Nachdenken gebracht hatte: price taker. Er ist mit Preis-Inkaufnehmer zwar unschön, aber treffend übersetzt. Das heißt, wer Gold kauft oder verkauft, kann dessen Preis nicht bestimmen, sondern muss ihn so akzeptieren, wie er gerade steht. Es sei denn, Käufer und Verkäufer feilschen um einen goldenen Ring, dessen Preis von dem des Edelmetalls abweicht, weil in ihm über den reinen Goldwert hinaus die Arbeit eines Juweliers steckt. Oder den Hütern des Dollar-Grals erscheint der Goldpreis als Antipode der amerikanischen Währung mal wieder zu hoch, sodass sie am Goldmarkt intervenieren und den Preis für kurze Zeit drücken, wie zuletzt am vergangenen Freitag geschehen.

Mein neuerliches Nachdenken zielt indes weniger auf den Handel mit goldenen Ringen oder auf Interventionen geheimnisvoller Preisdrücker, sondern schlicht und einfach auf price taker, die sich möglicherweise gar nicht dessen bewusst sind, wie viele Arten von Preisen sie täglich ohne Mucken in Kauf nehmen: beim Bäcker und Metzger, beim Betanken eines Autos oder beim Kauf eines Bahntickets – und nicht zuletzt bei der Geldanlage: Da werden verwirrende Verträge über Lebensversicherungen oder sonstige langfristige Anlagen zur Altersversorgung abgeschlossen, deren wirklichen Preis man bestenfalls erahnen kann. Oder Ausgabeaufschläge von Fonds werden einfach ohne Nachfrage in Kauf genommen, als seien sie in Stein gemeißelt.

Ein Kapitel für sich ist der Kauf von Immobilien. „Einmal im Leben“, so hieß vor Jahrzehnten eine Fernsehserie, die realistisch schilderte, was aus Anlass des Kaufs eines Einfamilienhauses alles schief gehen kann. Daran hat sich bis heute im Prinzip nichts geändert. Schlimmer noch, die vielen Sub-, Sub-, Sub-Unternehmen, zumal mit fremdsprachigen Handwerkern, sind für viel Pfusch am Bau verantwortlich. Und wie verhalten sich potenzielle Käufer? Sie fallen auf Festpreise herein, die offenbar der Phantasie von Bauträgern oder Projektentwicklern entspringen, und das auf einem aktuellen Preisniveau, allzu oft jenseits der Realität.

Auch Börsianer sind price taker – es sei denn, sie gehören zu den Großaktionären, die fast alle Aktien eines Unternehmens besitzen. Auf Aktienkurse wirken derart viele Kräfte ein, dass den gewöhnlichen Groß- und Kleinaktionären nichts anderes übrig bleibt, als sie zu akzeptieren. Zum Beispiel die Geldpolitik der Notenbanken, die Entwicklung der Zinsen, das Auf und Ab der Konjunktur, technologische Umbrüche wie das Internet und ökonomische wie die Globalisierung, das Bewertungsniveau der Aktien, politische Einflüsse wie die rigorose Umsetzung der Wahlversprechen durch US-Präsident Donald Trump, das Anlageverhalten der maßgebenden Fondsmanager und nicht zuletzt die Massenpsychologie – um nur einige besonders wichtige Einflussfaktoren zu nennen.

Das für Börsianer Positive besteht unter anderem darin, dass sie als price taker nicht gezwungen sind, bestimmte Kurse zu akzeptieren: Sie können mit dem Aktienkauf so lange warten, bis die Kurse ihnen tief genug erscheinen. Und sie können zusehen, wie ihre Kursgewinne wachsen, ohne dass sie zum Verkaufen gezwungen sind. Den optimalen Zeitpunkt zum Ein- und Ausstieg zu finden, ist allerdings so gut wie nie möglich. Doch was soll's, solange mit Aktien – oder mit anderen Anlageklassen – auf Dauer ein ordentlicher Gewinn herausspringt, ist alles in Butter.

Dazu ist noch anzumerken, dass es im Großen und Ganzen drei Gruppen von Aktionären gibt: traditionelle Daueranleger, Zykliker und Spieler. Die erste Gruppe behält Aktien gewöhnlicherweise über viele Jahre im Depot. Die zweite Gruppe spekuliert auf niedrige Kauf- und hohe Verkaufskurse. Die dritte Gruppe besteht aus Tradern, von denen die meisten auf Chartsignale reagieren. Wobei noch zu erwähnen ist, dass es auch unfreiwillige Daueraktionäre gibt, nämlich solche Zykliker und Spieler, die sich verspekuliert haben und darauf hoffen, ihre Einstandskurse mögen irgendwann wieder erreicht werden.

Kommen wir an dieser Stelle noch kurz zum eingangs erwähnten Gold zurück: Man kann aufgrund langjähriger Erfahrungen sicher sein, dass sein Höchstpreis – in diesem Fall der aus dem Jahr 2011 – nach einer nicht mehr allzu langen Zeit wieder erreicht wird, price taker hin oder her. Ähnliches lässt sich übrigens auch von einem gut sortierten Aktiendepot behaupten – nur mit dem kleinen Schönheitsfehler dass es zuvor erst mal Federn lassen müsste.


Ab Sonntagmorgen auf goldseiten.de: Euro, Dollar, Gold und Silber unter der Lupe