Das Wort zum Wochenende: Aktien im Griff


Während der Diskussion über den Rauswurf der Lufthansa-Aktie aus dem Dax und über den Skandal um Noch-Dax-Mitglied Wirecard taucht immer wieder ein Begriff auf, der ganz und gar nicht zu diesen beiden Ereignissen zu passen scheint: Aktienkultur. Um diesen Begriff gleich ins richtige Licht zu rücken: Mit Kultur im althergebrachten Sinn hat er nur wenig zu tun. Vielmehr dient er überwiegend Bankern, Fondsmanagern und Vermögensverwaltern einschließlich ihrer Verbände als Vorwand, um die Spekulation mit Aktien – im positiven Sinn – zu etwas ethisch Wertvollem zu erheben.

Die Versuche, Aktien als Teil der Kultur zu definieren, reichen in der Bundesrepublik bis zu den 50er Jahren zurück, als Preussag (heute TUI) und VW den Sprung an die Börse wagten. Später kamen Veba (mehr oder weniger in Eon aufgegangen), Lufthansa und Deutsche Telekom hinzu. In all diesen und in noch manch anderen Fällen mischte der Bund kräftig mit, was den Aktionären spätestens im Fall Telekom schlecht bekam: Nach anfänglich, im Gefolge der Teilprivatisierung von 1996, wunderbaren Kursgewinnen machten die vielen in die Telekom-Aktie gelockten Sparer nach der Jahrtausendwende die leidige Erfahrung, dass Aktien nicht nur Gewinne, sondern auch Verluste mit sich bringen. Als schwacher Trost blieb ihnen übrig, dass manch anderer Sparer den Verlockungen des Neuen Marktes erlag – mit Kursverlusten bis zu 100 Prozent.

Immer wieder versuchen Anleger, Mechanismen und Methoden auszutüfteln, die ihnen ermöglichen sollen, der Kursschwankungen Herr zu werden. Die Vielfalt ist enorm. Sie beginnt mit einer einfachen Dividendenstrategie, erstreckt sich über die Interpretation von Geschäftsberichten und Konjunkturindikatoren, deutet allerlei Chartformationen, die in Fibonacci-Regeln übergehen, und endet mit dem Algotrading. Zu allen hier genannten und vielen weiteren Versuchen, die Zukunft zu ergründen, wurden schon Unmengen an Büchern und an schier unendlich scheinenden Artikeln mit Abermillionen von Aktientipps geschrieben. Die Faszination ist jeweils gewaltig – und trotzdem läuft alles nur auf die banal erscheinende Empfehlung hinaus: Bei niedrigen Kurse kaufen, bei hohen Kursen verkaufen.

Doch ganz so banal, wie sie zunächst erscheint, ist diese Empfehlung nicht. Denn sie braucht nur um einen Aspekt ergänzt zu werden, und schon liest sie sich überzeugend: Vor allem niedrige Kurse, darüber hinaus später auch hohe, müssen durch gründliche Vorbereitung geradezu erarbeitet werden; Kurssteigerungen ergeben sich dann fast von selbst, nur deren Höhe ist nicht vorhersehbar. Diesen Zusammenhang berücksichtigen die wenigsten Anleger, vermeintliche Profis ebenso wie Laien, hinreichend genug. Stattdessen vertiefen sich die einen in Hunderte von Seiten umfassende Geschäftsberichte, während die anderen jede noch so unbedeutende Kurszacke mithilfe von Charts zu deuten versuchen.

Was bedeutet das: Niedrige Kurse erarbeiten? Dazu gehören mindestens die folgenden Recherchen: Eine gewisse Anzahl von Kursen – je nach Zeitbudget ein paar Dutzend bis etwa hundert – anhand der von Direktbanken veröffentlichten Charts regelmäßig sichten, aktuelle Geschäftsberichte interessant erscheinender Unternehmen über deren Investor Relations-Abteilungen kommen lassen, die Glaubwürdigkeit anhand älterer Geschäftsberichte testen, Branchen- und Konjunkturberichte verfolgen, die Geld- und die Fiskalpolitik aufs Korn nehmen, politische Entscheidungen wie einst zur Energiewende und in diesem Jahr zur Covit-19-Pandemie wie auch zur anstehenden US-Präsidentschaftswahl unter die Lupe nehmen, ein persönliches Börsentagebuch führen, darin Beobachtungen zu auffälligen Trends notieren, Gefühle wie Angst und Gier ausschalten – so gut es geht. Falls Ihnen schon mehrfach der praktizierende Börsianer Markus Koch mit seinen umfangreichen Analysen oder der in Wirtschaft und Politik gut vernetzte Roland Tichy positiv aufgefallen ist, verfolgen Sie deren Veröffentlichungen über YouTube oder sonstige Medien.

Noch ein Schlusswort zur deutschen Aktienkultur: Sie ist in einem Teilbereich schon weit verbreitet: beim schnellen Rein und Raus, in machen Fällen zigfach pro Tag, viel praktiziert von der jungen Generation – möglicherweise der Nukleus für das hoffentlich spätere Anlegen in Trends.


Ab Sonntagmorgen auf www.goldseiten.de : Armes reiches Deutschland