Das Wort zum Wochenende: Der Traum vom Aktien-Marshallplan


Zu Beginn eine Binsenweisheit: Die Kurve der Sparzinsen verläuft flach, die Kurve der Aktienkurse schwankt munter auf und ab. Flach, das bedeutet für die meisten deutschen Anleger offenbar: sicher. Denn sie legen ihr Geld vorzugsweise auf Konten und in Kapitallebensversicherungen mit jeweils flachem Verlauf an. Dagegen verbinden sie das Auf und Ab der Aktienkurse mit Begriffen wie riskant oder unsicher. Das ist zwar verständlich, aber falsch. Denn auf Dauer gesehen schneiden Aktien im Durchschnitt besser ab als die flachen Anlagen.

Wie kann dem Irrglauben der meisten Deutschen abgeholfen werden? Zwei Antworten stehen zur Wahl: entweder mit einem breit angelegten Marshallplan oder gar nicht. Wahrscheinlich wird die zweite Variante haushoch siegen, also alles beim Alten bleiben. Warum? Weil ähnlich wie beim Marshallplan anno 1948 zweierlei gewährleistet sein muss: Eine Geldschwemme und die Bereitschaft der von ihr Profitierenden, sie sinnvoll einzusetzen.

Die Geldschwemme ist zweifellos da, und das nicht erst seit gestern. Doch wer profitiert von ihr am meisten? Vor allem solche Aktionäre, die ihr Geld direkt in Aktien investiert haben. Ihre Zahl ist nach Berechnungen des Deutschen Aktieninstituts 2018 im Vergleich zu 2017 und im Vergleich zum bisherigen Spitzenjahr 1999 kräftig gefallen. Die Zahl der Aktienfonds-Anleger hat 2018 gegenüber 2017 leicht zugenommen, im Vergleich zum Spitzenjahr 2001 jedoch kräftig abgenommen. Die Geldschwemme ist, außer den Besitzern von Anleihen und den Eigentümern lukrativer Immobilien, den Aktionären zugute gekommen, die vom langjährigen Aufwärtstrend der Aktien profitiert haben – eine Minderheit.

Wie kann daraus eine Mehrheit werden? Schwierig, weil es dazu erstens einer Initialzündung und zweitens nach jedem vorübergehenden Rückgang der Aktienkurse der passenden Durchhalteparolen bedarf. Als Initialzündung käme zum Beispiel ein Steuervorteil infrage, etwa eine zeitlich begrenzte anstelle der zurzeit geltenden unbegrenzten Abgeltungsteuer. Oder noch weiter gehend das Streichen der Aktien-Doppelbesteuerung. Von der jetzigen Bundesregierung sind solche Schritte allerdings nicht zu erwarten. Ansonsten gilt: Die Versicherungs-, Bank- und Fondslobby sorgt dafür, dass Anleger mit indirekten Anlagen wie den bereits genannten oder mit Riester-Renten und Zertifikaten aller Art abgespeist werden.

Die letzten Initialzündungen gingen von der Emission der Telekom-Aktie 1996 und vom Neuen Markt in den vier Jahren danach aus. Was kam dann? Ein doppeltes Desaster: Nach Jahren mit fulminantem Kursanstieg der Telekom-Aktie erlitt sie einen dramatischen Kursverfall. Und nachdem die Blase am Neuen Markt geplatzt war, nahmen breite Bevölkerungskreise auf Nimmerwiedersehen Abschied von Aktien. Daran hat sich bis heute kaum etwas geändert.

Wie steht es um Durchhalteparolen? Eigentlich nicht schlecht, müsste man meinen, denn das Hohelied auf Aktien wird vielfach gesungen. Nur endet es meistens entweder mit Empfehlungen für irgendwelche Aktienfonds oder für ETFs, also börsengehandelte Indexfonds. Empfehlungen für einzelne Aktien wagt kaum noch ein Anlageberater zu geben; denn er könnte haftbar gemacht werden, falls die Auswahl oder das Timing nicht gestimmt hat.

Halten wir fest: Aktien können eine lukrative Anlage sein, aber Anleger müssen sich daran gewöhnen, dass Aktienkurse mehr oder weniger stark schwanken. Dann sind starke Nerven gefragt. Daraus folgt, dass man gut beraten ist, sich so früh wie möglich mit Aktien zu beschäftigen, um im Lauf der Zeit viele Erfahrungen zu sammeln. Idealerweise gehören zum Erfahrungsschatz Anlagen, aus deren Erfolgen und Misserfolgen man sehr viel lernen kann. Und weil noch kein Aktienmeister vom Himmel gefallen ist, gilt es, Anlagemotive, -ziele, -erfolge und -misserfolge in einer Art Tagebuch festzuhalten.

Der Anlageerfolg hängt von der richtigen Aktienauswahl und vom Timing ab. Erfolgreich kann nur sein, wer vor dem Aktienkauf so gründlich wie möglich recherchiert. Dazu gehören Geschäfts- und Quartalsberichte, Kennzahlen, Branchenanalysen, Ad hoc-Meldungen, das Verfolgen der Geld- und Fiskalpolitik sowie der Konjunktur u.a. Das richtige Timing ist ein Produkt aus laufender Beobachtung der Aktienkurse einschließlich Charts, aus antizyklischem Gespür, viel Geduld und einem großen Schuss Glück. In diesem Sinn viel Erfolg und schöne Ostern!


Ab Sonntagmorgen auf goldseiten.de: Schulden kosten scheinbar nichts