Das Wort zum Wochenende: Deutsche Autos made im Ausland


Neulich musste ich schmunzeln, als verschiedene Medien das Wachstum der chinesischen Wirtschaft um 6,1 Prozent im Vergleich zum Vorjahr nicht nur verkündeten, sondern auch irreführend kommentierten – nach dem Motto, jetzt habe es auch Chinas Konjunktur erwischt. Was für ein Unsinn! Die chinesische Wachstumsrate – falls sie überhaupt stimmt – übertrifft die zwischen 0 und 1 vor sich hin dümpelnde europäische um ein Mehrfaches; trotzdem wird sie als Warnsignal gedeutet. Und die jetzige Virus-Epidemie? Ein Zusammenhang mit dem Wachstum ist vorerst schwerlich auszumachen.

Anlass genug, die Konjunktur, speziell die deutsche, ein wenig unter die Lupe zu nehmen und auch ihren Einfluss auf die Börsenentwicklung zu untersuchen. Konjunktur in Deutschland, das bedeutet vor allem: Wie entwickelt sich die Autoindustrie mitsamt ihren Zulieferern? Dazu hat das ifo Institut zuletzt aufschlussreiche Daten ermittelt: Die deutsche Wirtschaftsleistung stieg 2019 nur noch moderat, weil die Autoindustrie sie um 0,75 Prozentpunkte negativ beeinflusste. Die Zahl der Beschäftigten im Kraftfahrzeugbau sank um 1,3 Prozent (verarbeitendes Gewerbe insgesamt: minus 0,2 Prozent). Und für die kommenden drei Monate erwarten 19 Prozent der Autobauer Kurzarbeit (übrige Industrie: 15 Prozent).

Liegt das etwa am Siegeszug von Tesla? Nein, ein erheblicher Teil dieser Entwicklung ist auf das sukzessive Verschieben der Produktion in andere Länder zurückzuführen. Die Autobranche „weitete die Produktion deutscher Marken an Standorten außerhalb Deutschlands aus und führte die Autos dann nach Deutschland ein“, begründet das ifo Institut. Gleichzeitig stiegen die deutschen Autoimporte aus der EU in den ersten neun Monaten 2019 um 16 Prozent im Vergleich zur selben Vorjahreszeit. So kam es unterm Strich wenigstens zu einer für die deutschen Autohersteller erfreulichen Entwicklung: 3,6 Millionen in Deutschland neu zugelassene Pkw 2019, fünf Prozent mehr als 2018 (deutsche Marken sogar plus 5,1 Prozent).

In Anbetracht solcher Zahlen ist es kaum verwunderlich, dass die Kurse der deutschen Autoaktien hin und her springen. Besonders markant: der Kursanstieg der stimmrechtslosen VW-Vorzugsaktien, die im Dax enthalten ist, seit dem vergangenen Herbst. Werden hier etwa schon Vorschusslorbeeren im Hinblick auf die Elektromobilität verteilt? Die Antwort fällt komplex. Der langjährige VW-Erfolg basiert auf verschiedenen Faktoren: Insgesamt zwölf Marken, von Audi über Bentley und Lamborghini, Porsche und Skoda bis VW, sorgen für eine gewisse Stabilität, sodass der Konzern sogar den Dieselskandal verkraften konnte. Für den Ausgleich zum Pkw-Geschäft sorgen die zu VW gehörenden Lkw-Hersteller MAN und Scania, vereint unter dem Namen Traton. Die Beteiligung des Bundeslandes Niedersachsen (über die Hannoversche Beteiligungsgesellschaft, kurz HanBG) an den stimmberechtigten VW-Stammaktien in Höhe von 20 Prozent und der ebenfalls an diesen Aktien beteiligte Autobauer Porsche sogar zu über 50 Prozent können als Überlebensgarantie für den VW-Konzern gedeutet werden.

Dessen Chef Herbert Diess hat eine Kampagne gestartet, die man durchaus als revolutionär bezeichnen kann: volle Konzentration auf Elektroautos ohne Vernachlässigung der traditionellen Benzin- und Diesel-Pkw. Diess scheut nicht mal Auftritte in Talkshows, um seine Botschaften in Sachen Klimawandel zu verkünden. Zum Hintergrund – und da schließt sich der Kreis betreffend die Produktionsverlagerung von Deutschland in andere Länder – hat wiederum das ifo Institut eine klare Meinung: Die deutschen Autohersteller lassen „ein vermehrtes Umrüsten deutscher Standorte auf die Herstellung von Elektroautos“ erkennen. „In der Übergangsphase fällt das Angebot an neu produzierten Pkw in Deutschland weg, und die vormals an den deutschen Standorten produzierten Pkw mit herkömmlichen Antrieben werden in anderen europäischen Ländern hergestellt.“

Der Erfolg oder Misserfolg der Strategie der deutschen Autokonzerne VW, Daimler und BMW hin zu Elektroautos bei gleichzeitiger Produktion von Benzin- und Diesel-Pkw wird sich vorzeitig in den Aktienkursen auswirken. Und weil das Trio zusammen mit seinen Zulieferern die deutsche Schlüsselindustrie schlechthin repräsentiert, sind entsprechende Auswirkungen auf die Konjunktur unvermeidlich.


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