Das Wort zum Wochenende: Der Tanz auf dem Kreditvulkan


Es ist gerade mal dreieinhalb Jahre her, da führte die EZB den Negativzins ein. Ein halbes Jahr später tat es ihr die Schweizerische Nationalbank gleich. Daraufhin wollten weitere Nationalbanken nicht aus der Reihe tanzen und schlossen sich dem Negativzins-Experiment an. Über die Folgen lässt sich streiten. Zumindest eine mutet seltsam an: Nachdem so manche Geschäftsbank damit gedroht hatte, lieber Bargeld und Gold zu horten, statt sich eine viel zu niedrige, womöglich sogar negative Zinsspanne einzuhandeln, wurde es um sie ziemlich still.

Können Banker auf einmal nicht mehr rechnen? Doch, sie können, lügen sich dabei jedoch in die eigene Tasche. Das geht so: Zum einen fangen sie die niedrige Zinsspanne, soweit vorhanden, auf, indem sie die Anzahl und das Volumen der vergebenen Kredite in die Höhe schrauben. So springt aus dem Kreditgeschäft unter dem Strich doch noch ein Gewinn heraus. Zum anderen verlagern sie ihre Aktivitäten zunehmend auf das Provisionsgeschäft mit Wertpapieren und Derivaten aller Art.

Kann das gut gehen? Vorübergehend ja, auf Dauer allerdings nicht. Denn höhere Zinsspannen lassen sich in der aktuellen Kreditlandschaft nur durch Inkaufnahme höherer Risiken erzielen. Und das Provisionsgeschäft hängt weitgehend von der Kursentwicklung der Anleihen und Aktien, Fonds und Derivate ab. Im ersten Fall entspringt das Risiko der unzureichenden Bonität so mancher Schuldner, im zweiten Fall ist es von nicht kalkulierbaren äußeren Einflüssen abhängig.

Was die Schuldnerbonität angeht, ist zwischen dem direkten Kreditgeschäft und der Finanzierung über Anleihen zu unterscheiden. Die Kreditzinsen verhalten sich beide Male etwa wie kommunizierende Röhren. So kann man zum Beispiel aus den Renditen von Unternehmensanleihen auf die Zinsspannen aus direkten Krediten schließen: Während die vielen von Ratingagenturen mit BB oder B+ bewerteten Anleihen Renditen zwischen 5 und 7 Prozent abwerfen, rentieren etwa Anleihen der Deutschen Börse oder der RWE-Tochter Innogy unter 1 Prozent.

Für Anleihen gibt es von der Schuldnerbonität abhängige Bewertungen mit Ratings, und trotz der vielfach engen Märkte werden von begleitenden Banken Kurse gestellt, sodass Anleger über zusätzliche Informationen verfügen und in begrenztem Umfang Anleihen kaufen oder verkaufen können. Dagegen vollzieht sich das Geschäft mit Direktkrediten, für Außenstehende nicht sichtbar, in der Regel hinter geschlossenen Türen der Banken und Sparkassen.

Während beispielsweise Plattformen wie Bondguide für interessierte Anleger Transparenz schaffen, blüht das Direktkreditgeschäft also im Verborgenen. Um diesem Missstand zumindest ein wenig abzuhelfen, arrangierte die Zeitschrift Finance zusammen mit der Beratungsfirma „Struktur Management Partner“ im September schon zum elften Mal ihr sogenanntes Restrukturierungsbarometer. Heraus kam Erstaunliches: Mit 71 Prozent ist der Verfall der Kreditstandards so hoch wie noch nie. Um Abschreibungen zu vermeiden, finanzieren Banken und Sparkasse überwiegend immer weiter. Und der überwiegende Teil der Institute verkleinert die Abteilungen zur Restrukturierung von Krediten, mit 63 Prozent ein Allzeithoch.

Alles in allem ähnelt viel einem Tanz auf dem Kreditvulkan. Lassen Sie sich dazu die folgenden Ereignisse durch den Kopf gehen: 2007 begann die schlimmste globale Wirtschafts- und Finanzkrise seit den 30er Jahren des vorigen Jahrhunderts. Sie wurde mit Geldmengen in bis dahin unvorstellbarem Ausmaß bekämpft: Die EU stellte ihren Mitgliedern 5 Billionen Euro zur Verfügung, wovon 40 Prozent in Anspruch genommen wurden. Die Maßnahme war notwendig geworden, weil Banken sich weltweit verzockt hatten. International waren außerdem Programme zur Belebung der Konjunktur in Höhe von schätzungsweise 4 Billionen Euro erforderlich. Hinzu gesellte sich die extrem expansive Geldpolitik der Notenbanken.

Was besonders zu denken gibt: Anders als in den 30er Jahren kam es seit 2007 im Gefolge der Geldschwemme weder zu einer nennenswerten Inflation der Konsumgüterpreise noch zu einem neuen weltweiten Krieg. Allerdings schossen andere Preise in die Höhe: die der Anleihen, Aktien und Immobilien. Parallel dazu lockerten sich wie beschrieben die Kreditbedingungen. Und nun? Die Notenbanken geben die Parole aus: weiter so. Wohl wissend, dass es in absehbarer Zeit so nicht mehr weiter gehen kann. Kurzum, Anleger sollten eine auf ihren individuellen Bedarf abgestimmte, möglichst hohe Barreserve vorrätig halten, um auf den Vulkanausbruch vorbereitet zu sein.


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